Inuit. Vom Leben und Überleben in der Arktis. Ein kurzer

Igor Eberhard

Um etwa 4000 v. Chr. hat die Besiedlung der Arktis begonnen. In diesem Gebiet, das sich von Teilen Sibiriens über Alaska, die Aleuten, das arktische Kanada bis nach Grönland erstreckt, hat sich eine relativ homogene Kultur gebildet: die "Inuit" oder wie sie früher genannt wurden: die "Eskimos".

Der Name Eskimo ist ein veralteter Begriff. Die einzelnen Gruppen nennen sich etwa "Yuit" (Sibirien), "Yupik" (Südwestalaska), "Sugpiag" (Südostalaska), "Inupiat" (Nordalaska) und "Inuvialuit" (Mackenzie-Delta), im Osten der kanadischen Arktis herrscht dagegen die Bezeichnung "Inuit" vor. Viele Inuit in Grönland nennen sich schlicht "kalaller" (Grönländer). Die Bezeichnung "Eskimo" wird von vielen Inuit als abwertend verstanden. Sie selbst ziehen den Sammelbegriff "Inuit" vor. So ist die wichtigste Interessenvertretung aller Inuit auch die "Inuit Circumpolar Conference".

Die extremen Klimaverhältnisse von teilweise bis -50°C im Winter und +5°C im Sommer verlangen starke Anpassungsfähigkeit und Erfindungsreichtum. An Nahrungsquellen gibt es traditionell kaum etwas anderes als Seesäuger wie Walrosse, Robben und Wale oder Fisch. Der Mangel an brennbaren Materialien verlangte Erfindungsgeist. Tranlampen wurden erfunden, bei denen Tran - also Walfett - verbrannt wurde. Der Mangel an Baustoffen führte unter anderem zur Verwendung von Walfischknochen, Erde, Fellen oder sogar von Schnee als Baumaterialien.

Jagd auf Landsäuger wurde unter anderem ermöglicht durch die Erfindung des Schlittens bzw. des Hundeschlittens. Außerdem wurde etwa das Kajak für die Jagd vom Boot aus und das "Umiak" für die Waljagd und den Transport entwickelt.

Die Inuit siedeln auf einer sehr großen, arktischen Fläche, verbreitet auf zwei Kontinente und dennoch gibt es große Ähnlichkeiten. Die Welt der Inuit war nicht monotheistisch. Sie waren Animisten. Anders als im Christentum gab es kein ausgeprägt dualistisches Weltbild. Gut und Schlecht galten als untrennbar. So heißt es in einer Mythe: "Als es nun weniger Menschen waren, fingen zwei alte Frauen zu reden an: 'Laß uns bloß ohne Tag sein, wenn wir damit auch ohne Tod sind!' sagte die eine. Sie hatte wohl Angst vor dem Tode. 'Nein', sagte die andere, 'wir wollen beides haben, Licht und Tod.' Und als dies die alte Frau aussprach, wurde es so: das Licht kam und der Tod."(Aus: Als die Erde entstand, die Menschen und die Hunde. In Barüske 1991, S. 6) Ab dem 16. Jh. drangen Europäer in die Arktis und besonders in Grönland ein. Die Suche nach den alten Siedlungen der Wikinger und nach der Nordwest-Passage trieb die ersten Forscher in die Arktis. Ihnen folgten die Walfänger und meistens darauf die Missionare. Die Inuit wurden kolonialisiert. Staatsgrenzen und eine unterschiedliche Geschichte der Unterjochung und Kolonialisierung prägte die Geschichte der Inuit in den darauffolgenden Jahrhunderten. Die verschiedenen Staaten vergrößerten die Unterschiede in den verschiedenen Ländern.

Vier Staaten, Kanada, die USA (Alaska), Grönland (mit teilweiser Autonomie von Dänemark) und Rußland (Sibirien), gibt es heute, in denen unterschiedliche Inuitgruppen, jeweils anderen Problemen ausgesetzt sind. Und dennoch haben sie viel gemeinsam - nicht nur kulturell und sprachlich. Sie leben alle in der harten Umwelt der Arktis und sind auf ihre Ressourcen angewiesen. Eine halbwegs intakte Umwelt ist Voraussetzung, damit keine Hungersnöte entstehen. Sie sind alle gleichermaßen von Problemen der Überfischung bzw. Überjagung, Umweltzerstörung, nuklearem Abfall, drastischen Eingriffen von – sogenannten - "Southerners" in ihre Umwelt, sei es durch Pipelines oder Staudämme, betroffen. Im kalten Krieg war die gesamte Arktis Aufmarschgebiet des Waffenarsenals der Weltmächte. Es wurde versucht ihre Kultur durch staatliche Assimilierungs- und Zentralisierungpolitik systematisch auszulöschen.

Insgesamt ist das Selbstbewußtsein und das Bewußtsein der Einheit der Inuit jedoch gestiegen, mit diesem stieg auch das Bedürfnis nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie in den einzelnen Ländern. Als Resultat davon ist die Gründung der Inuit Circumpolar Conference (ICC) 1977 in Barrow, Alaska zu sehen. Am 1.5. 1979 erlangte Grönland ein weitgehende Autonomie von Dänemark. 1985 trat Grönland, als erstes Land, aus der EG aus. Seit 1.4. 1999 existiert "Nunavut" ("Unser Land"), es ist eine selbständiges, inuiteigenes Territorium innerhalb Kanadas.

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© Igor Eberhard 1999 [edited for web publication: Markus Hirnsperger]