Stefan Pohlmann
Inhaltsverzeichnis:
I.) Einführung
1. Was ist ein Schamane?
II.) Definitionsversuche
1.1. Schamanismus ist ein universelles Phänomen
1.2. Schamanismus ist ein regionales Phänomen
III.) Außergewöhnliche Bewußtseinszustände
1.1. Trance - Besessenheit - Ekstase
1.2. Bewußtsein zweier Welten
IV.) Schamanische Heilung
1.1. Grundlegende Heilprinzipien
1.2. Das Aussaugen von Krankheiten
1.3. Forschung mit Schamanen über alternative Heilmethoden
V.) Ein Schlußsatz
VI.) Literaturverzeichnis
1. Was ist ein Schamane?
Schamanen sind Ärzte, Priester, Sozialarbeiter und Mystiker in einem. Sie wurden als Geisteskranke bezeichnet, waren durch die Geschichte hindurch immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, wurden in den 60er Jahren als "Phantasieprodukt" anthropologischer Vorstellungen abgetan und sind heute so in Mode, daß sie sowohl intensive akademische Debatten auslösen als auch zur Namengebung von Popgruppen dienen.
Auserwählt von Geistern, von ihnen gelehrt, in Trance zu fallen und mit ihrer Seele zu anderen Welten im Himmel zu fliegen oder durch gefährliche Spalten zu den Schrecken der Unterwelt zu klettern, bis auf die Knochen abgemagert und dann wieder zusammengefügt und wiedergeboren, ausgestattet mit der Macht, Geister zu bekämpfen und deren Opfer zu heilen, Feinde zu töten und die eigene Gemeinschaft vor Krankheit und Hunger zu schützen - das sind die Grundzüge schamanischer "Religionen" in vielen Gegenden der Welt. Gleichzeitig führen Schamanen ein ganz normales Leben, gehen auf die Jagd, kochen, bebauen Land und verrichten die Hausarbeit. Wenn Schamanen von anderen Welten sprechen, meinen sie nicht, daß diese von der Alltagswelt getrennt sind. Vielmehr repräsentieren jene anderen Welten die wahre Natur der Dinge und die wahren Ursachen der Ereignisse in dieser Welt.
Das Wort "Schamane" stammt aus der Sprache der Ewenken, einer kleinen tungusisch sprechenden Gruppe von Jägern und Renntierhirten in Sibirien. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts wurde der Begriff in Nordamerika schon für einen großen Teil der Medizinmänner und -frauen verwendet.Er wird heute für all jene Personen gebraucht, die in irgendeiner Form Kontakt zu Geistern haben. Von der Seele des sibirischen Schamanen heißt es, daß sie den Körper verlassen und zu anderen Teilen des Kosmos reisen kann. Diese Fähigkeit findet sich traditionellerweise nur in bestimmten Teilen der Welt und erlaubt uns in diesen Fällen von eindeutig schamanistischen Gesellschaften zu sprechen. Eine allgemeinere Definition würde auch jene Personen umfassen, die in der Lage sind ihre Trance zu beherschen, selbst wenn diese keine Seelenreise einschließt ( vgl. Vitebsky, 1996, S.10).
Der Religionshistoriker Mircea Eliade faßt den Begriff "Schamane" enger auf: "In dem ganzen Bereich, wo das ekstatische Erlebnis für das religiöse Erlebnis schlechthin gehalten wird, ist der Schamane, und nur er, der große Meister der Ekstase. Eine allererste Definition dieses komplexen Phänomens, und vielleicht die wenigst gewagte, wäre: Schamanismus = Technik der Ekstase" (Eliade, 1975, S.14).
Der Beruf des Schamanen muß als psychisch überaus gefährlich betrachtet werden, mit einem konstanten Risiko zu Krankheit oder Tod.
Kein Schamane kann ohne eine ihn umgebende Gesellschaft existieren, und Schamanismus ist
keine einheitliche Religion, sondern eine kulturübergreifende Form religiöser Wahrnehmung und
Praxis. Man vermutet, daß es in der Vergangenheit rein schamanische Gesellschaften gab. Heute
jedoch ist der Schamanismus eine vereinzelte und fragmentarische Erscheinungsform. Es existiert
keine Doktrin, keine schamanische Weltkirche, kein heiliges Buch, auch kein Priester, der sagt, was
richtig oder was falsch ist. Dennoch gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten schamanischer Ideen und
Praktiken zwischen so weit voneinander entfernten Gegenden wie der Arktik und Borneo.
( vgl. Vitebsky, 1996, S.11).
Über Schamanismus haben schon viele Wissenschaftler aus den Bereichen Soziologie, vergleichende Religionswissenschaften, Ethnologie, Psychologie, Psychiatrie usw. geforscht; es gibt aber nach wie vor unterschiedliche Definitionen - eigentlich Definitionsversuche - von Schamanismus.
Es wird nach der Örtlichkeit in zwei Gruppen unterteilt:
1.1.) Schamanismus ist ein u n i v e r s e l l e s Phänomen
1.2.) Schamanismus ist ein r e g i o n a l e s Phänomen
ad 1.1.) E. B. Taylor meint, Schamanismus ist eine Stufe der Religionsentwicklung (T. war Evolutionist). Nach Mircea Eliade ist das Zentrum des Schamanismus in Nordsibirien anzusiedeln. Von dort erfolgte die Verbreitung auf die ganze Welt. Schamanismus ist eine Form der Kommunikation mit nicht erfaßbaren Welten. I. M. Lewis sagt, der Schamane ist ein prophetischer Heiler, der die Kraft hat, gewisse Geister zu eliminieren. Bei indigenen Völkern rufen externe Faktoren dieses Phänomen hervor. In Hochkulturen werden "diese Zustände" als Protestphänomene abgetan.
ad 1.2.) Shirokogoroff: bezeichnet Schamanismus als ein tungusisches Phänomen. Schamanismus ist ein relativ junges Phänomen. Er ist ein Produkt der Ausbreitung des Buddhismus Der Schamanismus zeigt, daß viele Symbole, beeinflußt durch den Buddhismus, gekommen sind.
Für Laslo Vajda ist Schamanismus eine Frage der Definition. Schamanismus ist ein
historisches Phänomen, das auf Sibirien beschränkt ist. Vajda nennt acht
Hauptcharakteristika:
1.) Element der virtuellen Ekstase
2.) Tiergestaltige Geisterhelfer
3.) Berufungserlebnis durch nicht tiergestaltige Geister
4.) Initiation
5.) Jenseitsreise der Seele des Schamanen
6.) Bestimmte vielschichtige Kosmologie
7.) Kampf des Schamanen mit den Geistern
8.) Schamanenausrüstung
Wenn zumindest diese acht Elemente vorhanden sind - so Vajda - kann man von Schamanismus sprechen. Diese Elemente haben sich aber nicht alle zur gleichen Zeit ausgebildet.
Im weiteren werde ich mich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen (v. a. Trance, Besesssenheit und Ekstase), sowie mit Heilung durch Schamanen näher beschäftigen.
Der außergewöhnliche Bewußtseinszustand (außergewöhnliche Bewußtseinszustände) eines bestimmten Individuums ist ein Zustand, in dem er oder sie einen Wechsel oder eine Veränderung in bezug auf das normale psychologische Funktionieren erlebt. Diese Veränderung ist für Außenstehende oft erkennbar, die Veränderungen im Verhalten des Individuums bemerken.
Beispiele für außergewöhnliche Bewußtseinszustände sind: Hypnose, Trance, Ekstase, Traum, Besessenheit u. v. m. Hervorgerufen können außergewöhnliche Bewußtseinszustände werden durch Meditation, Askese, Einnahme von Halluzinogenen, laute rhythmische Geräusche (Rassel, Trommel), Tanz u. v. m.
Der Begriff außergewöhnlicher (veränderter) Bewußtseinszustand enthält folgendes:
- Jeder Mensch existiert in einer Reihe spezifischer kulturgebundener Bewußtseinszu- stände.
- Jede Kultur kennt also eine Reihe von Bewußtseinszuständen, die sehr unterschiedlich sein können. Der Wechsel von einem zum anderen weist eine bestimmte Logik auf.
- Dabei läßt sich zwischen häufig gebrauchten veränderten und weniger häufig gebrauchten Bewußtseinszuständen unterscheiden.
- Dieser veränderte Bewußtseinszustand ist jedoch ein vorübergehender; die Betroffenen
verlassen ihn recht bald wieder (vgl.Schenk, 1994, S.59; 70).
1.1. Trance - Besessenheit - Ekstase
Der Begriff Trance besagt, daß der Bewußtseinszustand durch eine menschliche Anstrengung hervorgerufen wird, während der Begriff Besessenheit ausdrückt, daß eine von außen kommende Wesenheit Besitz von einem Menschen ergreift. Der Anthropologe Rouget argumentiert, daß auch zwischen Trance und Ekstase unterschieden werden müsse, da sie zu verschiedenen Arten religiöser Empfindung gehören. Während Ekstase Stille, Schweigen und Einsamkeit erfordert, ist Trance abhängig von Bewegung, Lärm und Gesellschaft. Ekstase beinhaltet sensorische Deprivation, Trance dagegen sensorische Überstimulation. Selbst wenn wir diesen Unterschied akzeptieren, können Trance und Ekstase in vielen Religionen und selbst in Individuen nebeneinander existieren ( vgl. Vitebsky, 1996, S.65).
Die übereinstimmenden Aussagen sprechen von einem Erinnerungsverlust durch die Trance, einer Art Verrücktwerden und einem Zittern am ganzen Körper unmittelbar vor der Trance und daß die Gottheit über den Scheitelpunkt in den Körper eindringt und sich in bestimmten Venen festsetzt. Zittern, Schaudern, Gänsehaut, Ohnmacht, Gähnen, Lethargie, Krämpfe, Schaum vor dem Mund, heraustretende Augen, intensive Hitze, Kälte oder Schmerzen, Zucken, lautes Atmen ... das sind einige der Merkmale der Trance. Wie können diese Verhaltensweisen Zeichen eines göttlichen Zustandes sein? Obwohl sie häufig als Störung empfunden werden, sind sie ein wesentlicher Bestandteil vieler schamanischer Aktivitäten auf der Welt.
Der Geisteszustand des Schamanen während der Initiation und während der Aufführungen ist geheimnisvoll. Der Trancezustand scheint mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Verminderung der bewußten Wahrnehmung verbunden zu sein. Jedoch ist schamanische Trance, im Gegensatz zur Besessenheit, in hohem Maße kontrolliert, was vielleicht mit der Natur der Initiation zusammenhängt, die durch rituelle Aufführungen wiederholt und entwickelt wird (vgl. Vitebsky, 1996, S.64).
Alice Kuhn (1988), eine "Ethnomedizinerin", nennt es vorrangig Besessenheit, wenn sie den veränderten Bewußtseinszustand und die daraus folgende Heilpraxis beschreibt. Dabei nimmt sie nicht bezug auf die psycho-physischen Dimensionen dieses Zustandes und die individuellen geistigen Veränderungsprozeße, die mit jedem In-Trance-Gehen auftreten, obwohl diese erst die Grundlage bilden für die Diagnose-, Behandlungs- und Heiltechniken sowie ihre Effizienz, aber auch die Struktur und Dynamik der ins Ritual eingebundenen Heilsitzungen selbst. Die Tatsache, daß die Schamanen in einem veränderten Bewußtseinszustand oder mittels Trance und Besessenheit ihre Tätigkeit ausüben, unterscheidet sie gerade von anderen Heilern und bestimmt ihre Funktion innerhalb der Gesundheitsfürsorge in der Gesellschaft ( vgl.Schenk, 1994, S.141).
Sobald die Heiler während der Heilzeremonien in Trance gehen, treten die einzelnen psycho-physiologischen Prozeße des veränderten Bewußtseinszustandes sehr deutlich hervor. Sie gleichen einander weitgehend bei allen Heilern. Trance bzw. einen veränderten Bewußtseinszustand definiert Schenk in Anlehnung an A. Ludwig (1966, 1967) als jenen Geisteszustand, der durch verschiedene physiologische und psychologische, aber auch pharmakologische Momente hervorgerufen und folglich durch das Individuum subjektiv als veränderte Bewußtseinsqualität erfahren und erkannt werden kann.
Erika Bourguignon (1968) hat 488 Kulturen auf das Vorhandensein von außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen hin untersucht und festgestellt, daß 90 % davon institutionalisierte Formen von veränderten Bewußtseinsformen kennen. Das heißt: Wir haben es mit einem häufig auftretendem Phänomen zu tun. Wir sind mit einer psycho-kulturellen Kapazität konfrontiert, die allen Menschen zugänglich ist (Schenk, 1994, S.142).
1.2. Bewußtsein zweier Welten
Die Berichte, inwieweit der Schamane sich an die Erfahrungen der Trance erinnern kann variieren. Ein Jakuten-Schamane erzählte einem Reisenden, daß er sich an überhaupt nichts erinnern könne. Andererseits verkündete ein Altai-Schamane, der handelte, als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht: "Eine sichere Reise. Ich wurde gut aufgenommen!" In einem anderen Bericht unterbrach ein Selkup-Schamane seine Reise, rauchte, trank Tee und setzte sie dann fort. Da Trance eine kulturelle Aktivität ist, die vor Publikum stattfindet, müssen die Schamanen entweder ihre Reise darstellen, während sie passiert, oder nachher darüber berichten.
Es gibt in "schamanischen Gesellschaften" verschiedene Vorstellungen von der Ursache von Krankheiten, aber der Gedanke des "Seelenraubes" herrscht bei weitem vor. Man führt dabei die Krankheit auf Verirrung oder Raub der Seele zurück und die Behandlung besteht darin, daß man die Seele sucht, einfängt und sich wieder mit dem Körper des Kranken vereinigen läßt. In bestimmten Gegenden Asiens kann die Ursache des Übels auch darin liegen, daß ein magischer Gegenstand in den Körper des Kranken eingedrungen oder daß dieser von bösen Geistern "besessen" ist; dann besteht die Heilung darin, den schädlichen Gegenstand herauszuziehen oder herauszusaugen (diese Methode werde ich später noch beschreiben) bzw. die Dämonen auszutreiben.
Nur der Schamane kann eine solche Heilung vornehmen, denn nur er "sieht" die Geister und weiß, wie man sie austreibt; er allein vermag die Flucht der Seele festzustellen und sie in der Ekstase einzuholen und ihrem Körper zurückgeben. Die Ekstase gehört zur schamanischen Heilung, weil man sich die Krankheit als eine Veränderung, eine Zerrüttung der Seele vorstellt ( vgl. Eliade, 1975, S.208-209).
"Schamanische Gesellschaften" sehen auch einen Zusammenhang zwischen dem Geisteszustand des Schamanen und dem Zustand des Patienten und der Gesellschaft als Ganzes. Wie die Initiation des Schamanen, ist auch die "Krankheit" des Patienten eine Episode in seiner persönlichen Entwicklung. Schamanische Kulturen haben eigene Vorstellungen darüber, was existiert und wie die Dinge passieren. Wenn jemand diese Vorstellungen teilt, können die Handlungen des Schamanen erfolgreich sein.
Auch die konventionelle westliche Medizin wirkt auf diese Weise. Eine Menge von Ängsten, Ritualen und Prestige spielen eine große Rolle, und der Placebo - Effekt zeigt, daß Personen bei einer Scheinbehandlung oft so reagieren, als erhielten sie eine wirksame Medizin.
In den meisten Fällen kombinieren die Patienten schamanische Behandlungen mit Krankenhaus-Medizin. Schamanischer Einfluß zeigt sich dort, wo auf eine gute Beziehung zwischen Arzt und Patienten Wert gelegt wird. Besonders eng sind die Parallelen zur Psychotherapie und dort, wo Heilung einen sozialen Kontext (z. B. Gesprächstherapie) einschließt. Dieser Ansatz betont, wie wichtig es ist, die Welt und die eigene Position in ihr zu verstehen. Das Ritual funktioniert, weil es Gefühle und Bedürfnisse ausdrückt und den Zustand des Patienten durch eine gesteigerte Wahrnehmung verändert. Es mag körperliche Auswirkungen geben, doch sind diese allein kein Beweis für Erfolg, ebenso wie körperliche Symptome allein nicht die Krankheit selbst sind (vgl. Vitebsky, 1996, S.142- 143).
Aber nicht nur das soziale Umfeld oder das Ritual ist bei der schamanischen Heilung wichtig, sondern auch Kräuter und Essenzen von Pflanzen werden in diesen Gesellschaften zu Heilung eingesetzt. Man hat in den "westlichen Gesellschaften" auch die medizinische Verwendung von Kräutern unterschätzt. Westliche Ärzte behaupteten häufig, daß jeglicher Nutzen in Verbindung mit ihrem Gebrauch auf eine Placebo-Wirkung zurückzuführen sein müsse. Neueste Untersuchungen haben ergeben, daß dies nicht alles erklärt.
1.1.) Grundlegende Heilprinzipien
E. F. Torrey hat vier grundlegende Prinzipien für eine wirksame Psychotherapie erkannt, die auch für die allopathische Medizin und für die alternativen Heilsysteme zuzutreffen scheinen:
- Eine gemeinsame Weltanschauung, die Diagnose und Benennung ermöglichen. Es muß nicht nur die Krankheit benannt werden, sondern die Diagnose muß auch die gemeinsame Weltanschauung des Heilers und Patienten widerspiegeln, um wirksam zu sein.
- Positive persönliche Eigenschaften des Heilers, die Genesung des Patienten fördern. Es geht um die persönlichen Eigenschaften des Heilers, und zwar sowohl die tatsächlichen wie diejenigen, die ihm der Patient zuschreibt. Diese variieren je nach Kultur.
- Die Erwartung des Patienten, gesund zu werden. Dieses Prinzip wurde von Sigmund Freud erkannt. Er beobachtete, daß sowohl die Psychoanalyse als auch die eingeborenen Stammestherapien die "Erwartungshaltung" benutzen, um positive Veränderungen zu bewirken.
- Spezifische Techniken, Substanzen und Heilverfahren, die für die Krankheit und der Genesung dienlich sind.
Alle vier Prinzipien scheinen universell gültig zu sein, obwohl viele von der Kultur, in der das Heilsystem wirkt, beeinflußt werden. ( vgl. Villoldo et al, 1986, S. 267)
1.2.) Das Aussaugen von Krankheiten Eine der Heilmethoden der Schamanen ist das Aussaugen von Krankheiten. Mit dem Mund wird der kranke Stoff aus dem Körper des Patienten herausgesaugt.
Folgende Saugarten werden unterschieden:
- mit dem Mund direkt auf der bloßen Haut;
- durch eine Trommel hindurch;
- mit dem Mund durch ein Tuch;
- durch ein dünnes Röhrchen, das auf die Haut aufgesetzt wird;
Zu Punkt 1.2. möchte ich folgendes Beispiel bringen: Das zum Heraussaugen der Krankheit verwendete Bambusrohrstück wird auf den erkrankten Bereich gesetzt, und mit demonstrativen Saug- und Schmatzgeräuschen wird die krankheitsverursachende Substanz herausbefördert; eine schwarze, mit Speichel vermengte Flüssigkeit. Zuvor jedoch öffnet der Heiler seinen Mund, so daß jeder hineinschauen kann. Und durch das Röhrchen wird Wasser gegossen, um zu beweisen, daß sich nichts darin befindet ( vgl. Schenk 1994, S.116, 198).
1.3.) Forschung mit Schamanen über alternative Heilmethoden Neue Untersuchungen sind nötig, um die Phänomene zu verstehen, mit denen sich Schamanen beschäftigen. Dabei sollte man sich auf die Feldforschung, insbesondere auf die Ältesten eines Stammes oder einer Gesellschaftsgruppe konzentrieren, da sie den alten reinen Bräuchen, die das untersuchten Wissensgut repräsentieren, am nächsten sind. Die Wissenschaftler, die diese Studie durchführen, benötigen eine traditionelle Ausbildung in anthropologischen, soziologischen, psychologischen, parapsychologischen und medizinischen Techniken. Auch sie benötigen eine Schulung in veränderten Bewußtseinszuständen, damit sie bei ihren Feldstudien nicht nur zuschauen, sondern auch teilnehmen können.
Gleichzeitig sollten eine ausgewählte Anzahl Schamanen in Methoden der Selbstaufnahme und Selbstberichterstattung ausgebildet werden, damit sie Daten liefern können, während die Erfahrung noch frisch ist. Wenn die Wissenschaftler warten, bis es günstig ist, sie zu interviewen, kann ein Teil der Erfahrung bereits vergessen oder "entstellt" worden sein. Die geschulten Schamanen könnten auch helfen, andere Menschen mit besonderen Fähigkeiten zu identifizieren und zu erforschen, sogar wenn es sich um verschiedene Kulturen handelt.
Ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern, Ärzten und eingeborenen Heilern könnten auch, je nach Bedarf, andere Spezialisten einbeziehen. Botaniker könnten Kräuterheilmittel untersuchen, Zauberer könnten den Psychologen bei der Beobachtung scheinbar "psychischer Kräfte" helfen, Ingenieure könnten parapsychologische Überwachungsgeräte entwerfen um Hirnströme und andere Körperreaktionen zu messen.
Man könnte das entsprechende Wissen der Schamanen auch heute noch zum
praktischen Gebrauch, wie etwa zur Ausbildung von Erziehern, Psychotherapeuten
und Krankenschwestern, heranziehen, so daß diese Techniken sowohl in westlichen
wie in eingeborenen Gesellschaften angewendet werden könnten (vgl. Villoldo
et al, 1986, S.276f). Wir leben in einer Welt, die ihrer heiligen Dimension
entfremdet ist. Überirdisches und Unerklärliches wird aus unserer
Welt verdammt. Vielleicht würden die von Schamanen entwickelten Heilungsmethoden
nicht nur ihren einzelnen Klienten, sondern ganzen Gesellschaften - auch der
westlichen - zugute kommen.
Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt a. Main.
1975.
Schenk, A.: Schamanen auf dem Dach der Welt. Graz. 1994.
Villoldo, A. & Krippner, S.: Heilen und Schamanismus. Basel. 1986.
Vitebsky, P.: Schamanismus: Reisen der Seele; Trance, Ekstase und Heilung. Wien.
1996.
© Stefan Pohlmann 2001 [edited for web publication: Markus Hirnsperger]